Willlkommen bei Aveleen Avide
Heute interviewe ich Gisa Klönne. Sie ist Schriftstellerin, arbeitete zuvor als Journalistin und Dozentin für kreatives Schreiben.

Hallo Gisa Klönne, vielen Dank, dass ich ein Interview mit Ihnen führen darf.

Sie wurden 1964 geboren. Sie studierten Politologie in Darmstadt und an der University of Surrey - Guildford, GB -, sowie Anglistik, Germanistik und Theater- Film und Fernsehwissenschaften an der Universität zu Köln mit dem Abschluss Magister Artium. Sie arbeiteten mehrere Jahre lang fest angestellt in Zeitschriftenredaktionen, u.a. beim feministischen Frauenmagazin "Emma" und als Chefredakteurin der Umweltzeitschrift "BUNDmagazin". Als freie Journalistin berichteten Sie für Frauenzeitschriften und Tageszeitungen und lehrten in der Aus- und Weiterbildung von Journalisten.

Wie kamen Sie damals zur "Emma"?

GISA KLÖNNE:
Das war mein erster Job, gleich nach dem Studium. Ich habe mich beworben und bekam die Stelle. Es war eine aufregende Zeit, Alice Schwarzer ist schließlich eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – und ein absoluter Medienprofi.

Sie haben sehr breit gestreut studiert. War während Ihres Studiums bereits Ihr Ziel, journalistisch oder gar Romane zu schreiben, oder hatten Sie ursprünglich ein anders Ziel mit Ihrem Studium verfolgt?

GISA KLÖNNE:
Genau genommen war mein Studium eine Zeit der Suche. Ich wollte Schriftstellerin werden – doch dies erschien mir wenig realistisch. Also studierte ich, wechselte ein paar Mal die Fächer, fühlte mich schließlich mit der Anglistik am wohlsten.

Journalistisch schreiben ist sehr gegensätzlich zum Schreiben von belletristischen Büchern. Wann hat es Sie gepackt, einen Roman zu schreiben?

GISA KLÖNNE: So gegensätzlich ist das gar nicht. Ich habe als Journalistin viel Handwerkliches über das Schreiben und sprachliche Stilmittel gelernt, auch die sehr wichtige Fähigkeit, Distanz zum eigenen Text zu entwickeln, kürzen zu können - und zu recherchieren. All dies kommt heute meinen Romanen zugute. Dass ich letztendlich Romane schreiben wollte, wusste ich immer. Ich habe meinen ersten Roman, DER WALD IST SCHWEIGEN, neben meiner Tätigkeit als Journalistin geschrieben, das war eine harte Zeit. Ich hatte ja keine Ahnung, ob er je erscheinen würde, dachte manches Mal, ich bin verrückt, für diesen Traum einen guten Job sausen zu lassen. Aber ich wusste auch: Ich muss das tun, sonst werde ich unglücklich. Bis zu meinem 40. Geburtstag sollte mein erstes Buch fertig sein, hatte ich mir geschworen – und vier Tage vorher war es das.

Ihr erster Roman "Der Wald ist Schweigen" war 2006 für den Friedrich-Glauser-Krimipreis der Autoren als bestes Debüt nominiert. Sie haben zwar den Preis nicht erhalten, aber was hat Ihnen diese Nominierung bedeutet? Wie war es für Sie, nominiert zu sein?

GISA KLÖNNE:
Unter knapp 100 Neuerscheinungen überhaupt nominiert zu sein, noch dazu von KollegInnen, das ist schon toll, eine Ehre. Einer von fünf Nominierten bekommt dann den Preis. Klar will jeder den Preis haben, aber das geht eben nicht und da hilft nur: Trotzdem feiern und weiter schreiben. Jetzt bin ich übrigens erneut nominiert, diesmal in der Kategorie „Beste Kurzgeschichte 2008“ für meine Story „Spaghetti nach Hurenart“. Mal schauen, was draus wird. Sekt trinken werde ich auf der Criminale-Gala in Wien, wo der Preis im April verliehen wird, auf jeden Fall!

Ihre Geschichte "STEHBLUES.REVISITED" gewann 2001 beim Short-Story-Wettbewerb der Zeitschrift "Journal für die Frau". Dieses Mal haben Sie gewonnen. Was war für Sie wichtiger, für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert zu sein oder hier für eine Short-Story einen Preis zu erhalten?

GISA KLÖNNE:
Der Preis 2001 war sehr wichtig, weil ich damals noch ganz am Anfang des literarischen Schreibens stand – er hat mir Mut gemacht durchzuhalten. Der Friedrich-Glauser-Preis ist natürlich der bedeutendere Preis.

Sie erhalten sehr gute Rezensionen für jedes Ihrer Bücher. Was geben Ihnen Rezensionen?

GISA KLÖNNE:
Dasselbe wie Nominierungen und Preise: Bestärkung. Doch fast noch wichtiger sind mir die Meinungen meiner Leser und Leserinnen, und die Tatsache, dass meine Bücher sie begeistern und berühren – und sich deshalb gut verkaufen.

Mit Jürgen Kehrer und Angela Eßer vertreten Sie die Interessen von rund 400 deutschsprachigen Krimiautoren und –autorinnen in "DAS SYNDIKAT". Sie sind außerdem Mitglied im Verband der Schriftsteller (VS), im Deutschen Journalistenverband (DJV) und im Journalistinnenbund - JB -.

Wie schaffen Sie es, neben dem Schreiben von Romanen diesen Tätigkeiten nachzugehen?

GISA KLÖNNE:
Ja, die Zeit ... Ab April werde ich mein Amt als SYNDIKAT-Sprecherin abgeben. Denn so wichtig und bereichernd ehrenamtliche Tätigkeiten auch sind – sie fressen viel Zeit. Und da ich seit 2000 ununterbrochen Ämter innehatte (erst bei den Mörderischen Schwestern/Sisters in Crime, dann im SYNDIKAT), brauche ich nun mal eine Pause.

Inzwischen ist Ihr 3. Krimi erschienen: "Nacht ohne Schatten", mit dem Sie auf Lesereise sind.
Darin geht es um:
Gewalt gegen Frauen: Straftaten, die Judith sehr persönlich nimmt. Gemeinsam mit ihr und Manni ermittelt Ekaterina Petrowa aus Russland. Die ist eine brillante Rechtsmedizinerin, hat aber eine ziemlich dunkle Vergangenheit. Und dann ist da noch ein Täter, der Judith viel zu nahe kommt ...

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Krimi?

GISA KLÖNNE:
Meine Romane spielen ja in der Gegenwart, und da ist Gewalt gegen Frauen leider noch immer ein alltägliches Phänomen – was mich seit langem beschäftigt. Als Romanthema habe ich das aber vor allem gewählt, weil es meine Kommissarin Judith Krieger mit ihrer politischen Vergangenheit konfrontiert. In der Biografie, die ich für sie erfunden habe, hat sie ja während ihres Jurastudiums als Nachtwächterin in einem Frauenhaus gejobbt. Nun, in ihrem dritten Fall, holt sie diese Zeit wieder ein: Ihre alten Ideale von damals – und auch die Erkenntnis, gegen Frauenhasser nicht gewinnen zu können. Das nimmt Judith sehr persönlich. Und ihr Kollege Manni Korzilius versteht sie immer weniger – es gibt Streit und Missverständnisse zwischen den beiden, was die Ermittlungen noch komplizierter macht und die Spannung erhöht. Was für mich als Krimiautorin sehr wünschenswert ist.

Schreiben Sie bereits an etwas Neuem? Und wenn ja, wo führt es den Leser dieses Mal hin?

GISA KLÖNNE:
Ich entwickele im Moment die Handlung des vierten Judith-Krieger-Romans, der im Herbst 2009 erscheinen wird. Mehr verrate ich noch nicht.

War Ihnen sofort klar, wie Sie Judith Krieger anlegen wollten?

GISA KLÖNNE:
Nein, gar nicht. Ich habe, bevor ich die Serie zu schreiben begann, sehr lange überlegt, wie eine Hauptfigur sein muss, die mich so fasziniert, dass sie für mehrere Romane trägt. Ich habe sowohl Judith als auch ihren Kollegen Manni Korzilius mit vielen Facetten angelegt. Ich wollte schließlich zwei starke Figuren haben, mit Ecken, Kanten, Widersprüchen, Geheimnissen, Ängsten und Verletzungen – Figuren, die sich immer weiter entwickeln können. Die beiden arbeiten ja auch nicht konfliktfrei zusammen, lernen sich erst langsam zu schätzen, weil sie so verschieden sind.

Wie gehen Sie generell an Ihre Hauptprotagonisten heran? Schreiben Sie ein ausführliches Exposee, machen Sie ein Interview mit der Person? Oder machen Sie es gar ganz anders?

GISA KLÖNNE:
Ich entwickele eine Biografie für all meine Hauptfiguren, überlege mir Vorlieben, Aussehen, Freunde, Feinde, Ausbildung etc. ebenso wie eine typische, individuelle Sprache und typische Verhaltensweisen, die ihre Persönlichkeit transportieren. Im Roman taucht dann immer nur ein Bruchteil all dieser Details auf – aber ich muss meine Figuren sehr gut kennen, damit sie für die LeserInnen lebendig und wahrhaftig werden.

Wie gingen Sie an den Plot zu "Nacht ohne Schatten" heran - oder vielleicht an all Ihre Plots?

GISA KLÖNNE:
Ich bin eine Planerin, was sicher auch daran liegt, dass ich immer aus mehreren Perspektiven erzähle. Ich entwickle die Handlung und den Spannungsbogen vorab, überlege, aus wessen Perspektive ich welches Ereignis am besten erzähle, kenne natürlich den Täter. Ich skizziere all das auf einem Szenenplan, der mir dann beim Schreiben hilft, den Überblick zu behalten.

Manche Autoren schreiben lieber Dialoge, andere szenische Darstellungen und wieder andere Charaktere. Bevorzugen Sie eines der angesprochenen Dinge - mögen Sie alles gleich gerne oder anders gefragt, liegt Ihnen alles gleich gut?

GISA KLÖNNE:
Nein, das kommt immer drauf an. Die Wahl sprachlicher Stilmittel muss zum Thema, zur einzelnen Szene passen – das ist das Wichtigste, darüber mache ich mir Gedanken. Der Rest ist dann teils Intuition und teils harte Arbeit.

Wie kam Ihr allererstes Buch zu einem Verlag?

GISA KLÖNNE:
Ich habe das Exposé mit Probeseiten und später dann das Manuskript an zwei Verlage geschickt - und hatte das Glück, dass beide es haben wollten.

Werden Sie von einer Agentur vertreten?

GISA KLÖNNE: Inzwischen ja. Bei meinen ersten Romanen nicht.

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile, wenn man von einer Agentur vertreten wird?

GISA KLÖNNE:
Idealer Weise hat man einen Agenten, der einen unterstützt und berät – auch langfristig gesehen, der den Überblick über den Literaturmarkt behält, was man als Autorin ja nur mit großem Zeitaufwand schafft.

Wie muss man sich einen Tag im Leben von Gisa Klönne vorstellen, wenn sie an einem Roman arbeitet?

GISA KLÖNNE: Ich bin sehr wortkarg, brauche Stille. Ich denke schon während des Frühstücks über meine Figuren nach. Am Schreibtisch überarbeite ich dann zunächst die Seiten des Vortags, schreibe danach ein Pensum von etwa fünf Manuskriptseiten nach meinem Plan. Ich schreibe chronologisch, vom Anfang bis zum Ende, Szene für Szene, Tag für Tag. Nicht sehr aufregend – aber es funktioniert...

Was war für Sie persönlich Ihr aufregendstes Erlebnis seit Sie Krimis schreiben und das direkt oder indirekt mit dem Schreiben zusammenhängt? Oder gab es gar mehrere solcher Erlebnisse?

GISA KLÖNNE:
Sicher der Moment, als ich wusste: Mein erstes Manuskript wird gedruckt – und dann gleich noch als Hardcover-Spitzentitel in einem großen Verlag! Persönlich freut es mich sehr, wenn mir Leser und Leserinnen sagen, wie sehr meine Bücher sie berühren, dass sie noch lange drüber nachdenken, nachdem sie sie ausgelesen haben.

Was für einen Tipp hätten Sie für angehende Autoren?

GISA KLÖNNE:
Nicht aufgeben. Das eigene Thema, die eigene Sprache finden, daran glauben und sich immer weiter entwickeln. Netzwerken! Und viel Disziplin!

Vielen Dank, Gisa Klönne, dass Sie mir ein Interview gewährt haben.

Das Buch von Gisa Klönne "Nacht ohne Schatten" hat ANITA gewonnen!
Herzlichen Glückwunsch!

Wenn Sie, liebe Leser, mir den 5. Kommentar unter dieses Interview setzen und natürlich dazuschreiben, Sie möchten "Nacht ohne Schatten" gewinnen, dann gehört dieses handsignierte Buch Ihnen.
Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.

Text Buchinhalt vom Ullstein-Verlag:
Köln, kurz nach Mitternacht. Ein verlassener S-Bahnhof. Ein erstochener Fahrer. Wenig später findet man in der Nähe eine bewusstlose junge...

Gisa Klönne las im März 2007 in München im Rahmen des Krimifestivals in München und ich war dabei und hatte darüber berichtet. Wenn Sie mehr über die Lesung erfahren möchten, dann bitte hier klicken.

Kommenden Freitag sehen Sie ein Video-Interview mit Claus Cornelius Fischer.

Das war Aveleen Avide
Glauben Sie an sich!