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Jutta Profijt ist Autorin.

Jutta Profijt - Foto © Profijt

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Nach Ihrem Abitur waren Sie Au-pair in Frankreich, danach machten Sie eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Nebenbei besuchten Sie Abendkurse und wurden Übersetzerin für Englisch und Französisch. 2002 begannen Sie Ihren ersten Krimi, der 2003 veröffentlicht wurde.

Wie kam es, dass Sie belletristisch schreiben wollten?

Jutta Profijt:
Wie so viele gute Dinge im Leben: per Zufall. Auslöser war ein Zeitungsartikel über die Sanierung des Mönchengladbacher Münsters, der mich auf die Idee zu meinem ersten Krimi brachte. Also habe ich mich einfach hingesetzt und losgeschrieben.

Wollten Sie schon immer schreiben?

Jutta Profijt:
Nein, daran hatte ich vorher nie gedacht.

Sie übersetzen auch Kochbücher. Fällt es nicht schwer, wenn man leckere Kochbücher übersetzt, so schlank zu bleiben, wie Sie es sind?

Jutta Profijt:
Dick wird man vor allen Dingen von schlechtem Essen. Das gute findet man in den Kochbüchern des Umschau Verlags.

Was für Bücher haben Sie gerne gelesen, bevor Sie selbst mit dem Schreiben begannen? Oder welche Genres haben Sie gerne gelesen? Was lesen Sie zur Zeit?

Jutta Profijt:
Ich bin beim Lesen nicht auf ein Genre festgelegt. Ein gutes Buch muss für mich etwas Neues bieten, spannend und sehr gern auch humorvoll sein. Ob es als historischer Roman, als Krimi, Thriller, Fantasy oder als Liebesgeschichte daherkommt, ist dann nicht mehr so wichtig. Zuletzt habe ich „Urlaub mit Papa“ von Dora Heldt gelesen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung: „Tante Inge haut ab“. Besonders als Urlaubslektüre zu empfehlen!

Wenn Sie verreisen, wo reisen Sie gerne hin?

Jutta Profijt:
Deutschland und Europa. Wunderschöne Wandergebiete liegen direkt vor der Haustür: das Bergische Land, die Eifel, Ostbelgien, Luxemburg. Aber auch Großbritannien, Frankreich und Spanien haben viel zu bieten, gerade auch für Fernwanderungen. Einer meiner tollsten Urlaube war eine Wanderung von Cardiff nach Liverpool. 300 km zu Fuß auf der Grenze zwischen England und Wales. Und man mag es kaum glauben: Es hat gar nicht geregnet! Außerdem bin ich gern in Dänemark, vor allem im Inselmeer südlich von Fünen. Wo ich jetzt so darüber schreibe fällt mir auf, dass ich viel zu wenig Zeit zum Reisen habe...

Sie schreiben derzeit am 2. Fall von Dr. Martin Gänsewein und dem kleinkriminellen Autoschieber Pascha? Wissen Sie schon, wie er heißen wird? Und dürfen Sie schon ein wenig darüber verraten?

Jutta Profijt:
Das Buch trägt den Titel: „Im Kühlfach nebenan“ und erscheint im Dezember 2009. In diesem Kühlfach nebenan liegt die Leiche einer Nonne, die, ähnlich wie Pascha, noch ein bisschen auf der Erde herumgeistert. Wieder nicht die Art von Begleitung, die Pascha sich erhofft hatte. Er jedenfalls meint: „War es ein fieser Trick vom Lieben Gott, den ich – zwecks Beweis seiner allmächtigen Existenz – freundlich geben hatte, mir doch statt Martin lieber eine nette Ansprechpartnerin zur Seite zu stellen? Möglichst eine mit einem heißen Fahrgestell, großen Hupen und ordentlich Power im Motorraum? Und der Scherzkeks schickte mir einen Pinguin?“

Wie viele Manuskripte mussten Sie versenden, bis ihr erster Krimi bei einem Verlag angenommen wurde? Wie war der Vorgang?

Jutta Profijt:
Für meinen ersten Krimi habe ich gar keinen Verlag gesucht, denn ich hatte bereits gehört, dass das sehr schwierig und zeitaufwändig sei. Also habe ich ihn selbst verlegt und einen riesigen Erfolg damit gehabt. Davon hörte auch ein regionaler Verlag, der mich ansprach und meinen zweiten Krimi verlegte. Danach war mir klar, dass ich das Schreiben zu meinem Beruf machen wollte, was allerdings bei einem Regioverlag eher nicht funktioniert, weil dort nicht die nötigen Auflagenhöhen erreicht werden. Ich schickte drei Manuskripte an insgesamt 12 Verlage. Davon wurde das Kühlfach 4 angenommen. Die anderen Manuskripte (darunter ein Jugendroman) liegen noch in meiner Schublade...

Was ist schreiben für Sie?

Jutta Profijt:
Mein Beruf. Und zwar der tollste Beruf, den ich mir vorstellen kann. Ich suche mir selbst aus, was ich schreibe, wann ich schreibe und wie und wo ich schreibe. Ich erfinde die Personen, mit denen ich dann mehrere Monate meines Lebens verbringe. Es ist leider auch der schwierigste von allen Berufen, die ich ausgeübt habe. Er ist finanziell unsicher und bedeutet sehr viel Vorarbeit, von der man nie weiß, ob sie jemals honoriert wird. Aber ich kann davon leben und bin damit sehr glücklich.

Werden Sie von einer Agentur vertreten?

Jutta Profijt:
Nein, ich bin der Typ, der immer gern alles selbst in der Hand hat.

Kühlfach 4

Hier finden Sie weitere Informationen: Kühlfach 4: Roman

In „Kühlfach 4“ geht es um:

Dr. Martin Gänsewein trägt Dufflecoat, fährt Ente, sammelt Stadtpläne und geht als Rechtsmediziner dem täglichen Geschäft mit dem Tod äußerst gewissenhaft nach. Über das Seelenleben der Verstorbenen macht er sich keine Gedanken, bis ihm eines Tages die Seele des kleinkriminellen Autoschiebers Pascha, dessen Leiche vor ihm auf dem Obduktionstisch liegt, ein Gespräch aufdrängt. Pascha ist stinksauer. Sein angeblicher Unfalltod war nämlich in Wirklichkeit Mord, was ja allein schon eine Sauerei ist. Und jetzt muss er auch noch als Geist herumirren und seine eigene Obduktion mit ansehen!

Da Martin der Einzige ist, mit dem er Kontakt aufnehmen kann, soll er ihm jetzt auch helfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. So nistet sich die nervtötende Seele bei dem sich vergeblich wehrenden Pathologen in Heim und Hirn ein, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ehe Martin sich versieht, muss er sich im Rotlichtmilieu zurechtfinden und kollidiert unsanft mit der Kölner Autoschieberszene. Sein Leben gerät nicht nur völlig aus den Fugen, sondern auch noch in große Gefahr. Und jetzt ist es an Pascha, sich schnellstens etwas einfallen zu lassen, um seinen neuen Freund zu retten ...

Wie kamen Sie auf die Idee zu „Kühlfach 4“?

Jutta Profijt:
Ich habe zusammen mit Kolleginnen der „Mörderischen Schwestern“ (ein Netzwerk für Frauen, die Krimis schreiben, verkaufen, lektorieren oder einfach nur lesen) das Rechtsmedizinische Institut der Uni Köln besichtigt. Wir haben den Sektionssaal und die Kühlfächer besichtigt, stundenlang Dias von mehr oder weniger unappetitlichen Leichen und die Fotodokumentation einer Obduktion gesehen. Irgendwann kam die Frage, ob sich der eine oder andere Rechtsmediziner nicht mal beobachtet fühlt... Das war meine Ausgangsidee.

Ich bin sicher, dass Sie für „Kühlfach 4“ eine ganze Menge recherchieren mussten. Ist Ihnen bei den Recherchen etwas Überraschendes, Außergewöhnliches, Witziges passiert?

Jutta Profijt:
Im rechtsmedizinischen Institut war für mich als Laie alles überraschend und außergewöhnlich, aber wenig wirklich witzig. Der Gedanke, vielleicht einmal selbst dort zu enden, ist schon beklemmend...

Wie gingen Sie an den Plot für "Kühlfach 4“ heran?

Jutta Profijt:
Der Plot entwickelt sich in totaler Abhängigkeit von den handelnden Personen. Da Pascha ein Kleinkrimineller sein sollte, brauchte er einen entsprechenden „Beruf“, so kam ich auf den Autodiebstahl, mit dem die ganze Sache beginnt. Martin ist ein gehemmtes Weichei, also musste er in Milieus ermitteln, die ihm unangenehm sind: Straßenstrich, Bordelle und Spielhöllen. Und immer musste die gegenseitige Abhängigkeit die beiden ungleichen Protagonisten abwechselnd zum Streit und zur Versöhnung führen.

Könnten Sie uns ein Beispiel für Ihre ersten Überlegungen für die Handlung geben oder vielleicht auch ein Beispiel, warum Sie bei „Kühlfach 4“ etwas erst in die eine Richtung schreiben wollten, sich dann aber für eine andere Richtung entschieden haben?

Jutta Profijt:
An der Handlung habe ich nicht mehr viel geändert, nachdem der erste Entwurf einmal stand. Schwierig war es allerdings, für Pascha eine geeignete Sprache zu finden. Er sollte ein Prolet sein, ein Macho, eine Nervensäge, ein Besserwisser und all das muss sich in seiner Sprache ausdrücken. Andererseits wollte ich kein Buch schreiben, in dem auf jeder Seite zig Wörter der Fäkalsprache auftauchen. Ich brauchte 3 Anläufe, bis ich für Pascha die richtige Sprache gefunden habe: respektlos, großkotzig und voller Slang – aber (fast) ohne Fäkalsprache. Und fantasievoll und witzig ist seine Sprache auch noch. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Fallen Ihnen Dialoge, Charaktere oder szenische Darstellungen leichter, fällt Ihnen alles gleich leicht oder anders gefragt, mögen Sie alles gleich gerne?

Jutta Profijt:
Charaktere fallen mir leicht und damit auch Dialoge. Ich empfinde meine Figuren als absolut real. Ich würde mich nicht wundern, Martin und Pascha auf der Straße zu treffen. Alles, was mit ihren Handlungen und Äußerungen zusammenhängt, fällt mir leicht. Schwieriger finde ich es, einen ausreichend verzwickten aber logischen und spannenden Plot zu entwickeln.

Wie schaffen Sie es, dass keine losen Fäden im Buch übrig bleiben?

Jutta Profijt:
Ich plane sehr genau, bevor ich mit dem Schreiben beginne und ich mache mehrere Korrekturdurchgänge. Das Aufspüren loser Fäden ist reine Fleißarbeit.

Wie gingen Sie an Ihren Protagonisten Dr. Martin Gänsewein heran?

Jutta Profijt:
Die Figurenplanung für Dr. Martin Gänsewein und Pascha kann man nicht trennen, da die beiden als Gegensatzpaar zusammengehören.

Können Sie uns dafür einfach mal ein Beispiel für die ersten Überlegungen zur Figur geben?

Jutta Profijt:
Der Geist sollte ein rotzfrecher Macho sein, also ist der Rechtsmediziner ein höflicher, bescheidener und stiller Typ. Martin ist ein rücksichtsvoller Mensch, was Pascha dreist ausnützt. Martin achtet und respektiert Frauen, während Pascha sie ausschließlich als Sexobjekte betrachtet. Martin ist ein Naturwissenschaftler, der nachdenkt, bevor er aktiv wird und der gern präzise formuliert, während Pascha erst labert und dann nachdenkt – wenn überhaupt.

Für den kleinkriminellen Autoschieber Pascha benutzen Sie eine besondere Sprache. Um welche Art Sprache geht es? Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? Welche Werke haben Ihnen dabei geholfen?

Jutta Profijt:
Wie ich oben schon erwähnte, war die Sprache für Pascha das absolut Entscheidende bei diesem Buch. Alles andere ist zweitrangig. Daher war es so wichtig, die richtige Ausdrucksweise zu finden, die zwar einerseits Paschas prollige Natur zeigt, den Leser aber andererseits nicht abstößt. Nach mehreren Versuchen habe ich mich für die so genannte „Jugendsprache“ entschieden, die von Sprachwissenschaftlern inzwischen recht gut dokumentiert und untersucht ist. Diese Sprache benutzt Wörter in „falschen“ Zusammenhängen und schafft dadurch Sinnverschiebungen.

Die Wiederaufbereitungsanlage wird so zur Drogenentzugsklinik. Dann gibt es ganz lustige Wortkombinationen wie z.B. den Festnetztelefonanierer, aber auch komplette Neuschöpfungen wie riffeln, schwaddeln, etc. Insgesamt eine ausdrucksstarke, bildhafte und sehr fantasievolle Sprache, die Respektlosigkeit ausdrücken kann, ohne beleidigend zu werden. Genau das richtige für Pascha, der ja im Grunde seines Herzens auch nur ein ziemlich einsamer und eigentlich ganz sympathischer Kerl ist.

Gehen Sie zuerst monatelang mit der Geschichte schwanger und fangen dann zu schreiben an oder haben Sie alle Recherchearbeiten abgeschlossen, das Exposee ist fertig und Sie beginnen zu schreiben? Wie muss man sich das vorstellen?

Jutta Profijt:
Nachdem die erste Idee (ein Geist im Rechtsmedizinischen Institut) aufgetaucht ist, dauert es meist einige Monate, in denen ich diese Idee immer mal wieder ergänze. Das läuft aber so nebenbei ab, die Ideen und Ergänzungen kommen mir beim Bügeln in den Sinn oder beim Joggen oder unter der Dusche. Dann notiere ich die Ideen und im Laufe von ein paar Wochen oder Monaten nimmt die Geschichte immer mehr Gestalt an (Geist war Autodieb, kann nur mit einem einzigen Menschen Kontakt aufnehmen, dieser Kontaktmann ist Rechtsmediziner, etc.).

Wenn ich dann mit der Arbeit an diesem Roman beginnen will, nehme ich alle verfügbaren Notizen und schreibe ein Exposee. Das dauert 1–2 Wochen, in denen ich viel denke und wenig schreibe – immerhin hat ein Exposee nur 4 Seiten. Dann beginnen die grundlegenden Recherchen und wenn ich den Eindruck habe, dass ich genug weiß, um schon mal anfangen zu können, beginne ich mit dem Schreiben, auf das ich zu diesem Zeitpunkt schon ganz heiß bin. Detaillierte Recherchen mache ich dann noch während des Schreibens oder nach der Rohfassung. Danach folgen noch 2-3 Überarbeitungen, um lose Fäden aufzuspüren und die Dramaturgie zu perfektionieren. Als letztes kommt die sprachlich/stilistische Überarbeitung.

Wie muss man sich einen Tag in Ihrem Leben vorstellen, wenn Sie an einem Roman arbeiten?

Jutta Profijt:
Ich stehe um 6 Uhr auf, mache ca. 1 Stunde Sport, erledige E-Mails und Verwaltungskram, frühstücke gegen 8 Uhr, schreibe bis 11:30 Uhr, koche, esse, mache 30 Minuten Mittagspause (z.B. Zeitunglesen), schreibe weiter, esse noch mal etwas gegen 18 Uhr und mache dann entweder Feierabend oder schreibe noch ein bisschen...

Wo schreiben Sie am liebsten?

Jutta Profijt:
Im hellsten Raum der Wohnung: in der Küche.

Hören Sie auch Musik beim Schreiben und wenn ja, welche, oder brauchen Sie absolute Stille?

Jutta Profijt:
Musik oder anderer Lärm stören mich nicht, da ich meine Umgebung beim Schreiben völlig ausblende. Das kann für meine Mitmenschen ganz schön frustrierend sein ...

Welchen Tipp hätten Sie für angehende Autoren, die einen Krimi veröffentlichen möchten?

Jutta Profijt:
Disziplin beim Schreiben. Kritikfähigkeit für die Überarbeitung. Möglichst umfassende Information über Verlagsprogramme, Geduld und Optimismus für die Verlagssuche. Für Frauen: Mitglied werden bei den Mörderischen Schwestern. Für Männer: Eine Strohfrau Mitglied bei den Mörderischen Schwestern werden lassen ;-))

Vielen Dank, Jutta Profijt, für das Interview.

Kommenden Freitag stelle ich ein Interview mit Malachy Hyde online. Malachy Hyde ist das Pseudonym der Autorinnen Ilka Stitz und Karola Hagemann.

Berti hat soeben "Kühlfach 4" gewonnen.

Wenn Sie hier klicken, kommen Sie auf die Auflistung aller bisher erschienenen Interviews auf meinem Internetblog.

Wenn Sie hier klicken, kommen Sie auf die Auflistung unter der alle Lesungen, die Buchmesse in Frankfurt 2007/2008 und Kurzinterviews und v.a. aufgeführt sind.

Das war Aveleen Avide
Glauben Sie an sich!

Schauen Sie also wieder rein, wenn es heißt:
Willkommen bei Aveleen Avide

Ihre Aveleen Avide