Willkommen bei Aveleen Avide

Martin Auer ist Schriftsteller, Musiker, war Schauspieler uvm.
Hier gibt es Infos zum Bühnenstück „Hurentaxi“.
Hier gehts zu seiner MySpace-Seite.

Martin Auer

1951 bist du in Wien geboren. Du warst sieben Jahre lang Schauspieler, Dramaturg und Musiker am „Theater im Künstlerhaus“. Hast dann eine Band gegründet. Bist als Liedermacher aufgetreten. Hast Gitarreunterricht gegeben. Als Texter für Werbung und Public Relations Übertriebenes, Unwahres und Einseitiges verbreitet (für Geld). Für Zeitungen gearbeitet. Du hast dich zum Zauberkünstler ausgebildet. Bist bei Betriebsfesten und Kindergeburtstagen aufgetreten. Das kann man alles auf deiner Homepage oder bei MySpace nachlesen.

Trittst du noch manchmal als Schauspieler auf? Was für Rollen hast du früher gespielt?

MARTIN AUER:
Selten, sehr selten. 1995 habe ich in einer Kinderoper mitgespielt, zu der ich auch das Libretto geschrieben hatte. Seither kann ich mich auch als Opernsänger bezeichnen. 2001 habe ich mit Johannes Grenzfurtner von monochrom den Kurzfilm „Drop out rate“ gemacht, der auf meiner MySpace-Seite zu sehen ist. Wir haben damals auch noch einen anderen Film gemacht, in dem kommt ein Fisch vor. Also ich spiele einen Lehrer, der mit seiner Klasse das Haus des Meeres besucht. Eines der Kinder schafft es, einen Fisch aus dem Aquarium auszuleihen und der Lehrer versucht verzweifelt, den Fisch wieder irgendwo ins Wasser zu bekommen. Die Leute, die den Film gesehen haben, haben gefragt: „Wo habt ihr denn die Kinder hergehabt?“ Dabei sind die Kinder in dem Film nie zu sehen.

Am Theater im Künstlerhaus war ich in den 70er Jahren engagiert. Als letztes habe ich den Dorftrottel in Büchner „Woyzek“ gespielt, eine praktisch stumme Rolle. Für die habe ich damals die besten Kritiken bekommen.

Und jetzt im Herbst werde ich in „Hurentaxi“ mehr oder weniger mich selbst spielen.

Aber es ist natürlich so, dass bei meinen Lesungen Schauspielerei mit im Spiel ist, und davon mache ich ja sehr viele.

Auf deiner Myspace-Seite kann man auch Lieder von dir hören, z.B. „Und im Traum bist du schön“. Wie nennt man die Musikrichtung, die du singst und schreibst du deine Texte selbst?

MARTIN AUER:
Ich habe keine Ahnung, wie man diese Musikrichtung nennen soll. Am ehesten noch Chanson. Diese Art von Musik machen nur Tom Waits und ich :-). Die Texte und Melodien schreibe ich selber. Für die Arrangements sorgt dann meistens der wunderbare Gitarrist Klaus Trabitsch.

Den Satz bei Texter für Werbung und Public Relations fand ich den Zusatz (für Geld) sehr witzig. Ich hoffe, du bekommst auch für die anderen künstlerischen Arbeiten Geld und nicht nur Anerkennung. :-) Wie lange hast als Texter gearbeitet?

MARTIN AUER:
Auch so ungefähr sieben Jahre. Das ist dann so langsam ausgekleckert.

Du hast dich zum Zauberkünstler ausgebildet. Wie weit bist du gekommen? Und war das ein Kindheitstraum von dir, Zauberkünstler zu werden?

MARTIN AUER:
Nein. Mein Kindheitstraum war, wirklich zaubern zu können. Ich hatte natürlich auch einen Zauberkasten, aber als Kind habe ich nie wirklich begriffen, worauf es da ankommt. In einer Reportage von Egon Erwin Kisch habe ich gelesen, wie er bei einem Zauberkünstler in die Lehre ging und lernte, Billardbälle in der Hand zu verstecken. Das habe ich dann auch probiert, aber es nie geschafft. Erst als ich so dreißig war, habe ich mich daran wieder erinnert und die Zauberkunst einige Jahre ernsthaft betrieben. Ich habe in einem Wiener Zauberklub die Magierprüfung abgelegt und bin dann auch professionell aufgetreten.

Einer meiner wichtigsten Arbeitgeber war ein Veranstalter von Ritteressen. Das waren meistens Firmenfeiern. Die ganze Belegschaft wurde per Autobus in ein Burgrestaurant gekarrt, wo es fette Schweinsstelzen und halbgare Brathühner gab. Die Gäste durften sich dann als Ritter und Burgfräulein verkleiden. Dazu hat eine mittelalterlich kostümierte Folkband aufgespielt und ich war der Master of Ceremonies im Hofnarrenkostüm und habe die Leute mit Witzen und Zauberkunststücken unterhalten und zu Partyspielen animiert. Das war nur im halbbetrunkenen Zustand zu ertragen, der sich meistens im Lauf des Abends zur Volltrunkenheit gesteigert hat.

Auf MySpace schreibst du, dass du auch einige Preise eingeheimst hast. Das ist aber schon ein ganzes Stück weit untertrieben. Dein erstes Kinderbuch wurde 1986 veröffentlicht und seit 1989 hast du fast jedes Jahr mindestens einen meist sogar mehrere Preise bekommen und das nicht nur in Österreich. Außerdem wurde dir von der Republik Österreich der Berufstitel Professor verliehen.

Wurde dir der Professoren-Titel persönlich verliehen oder wie bekamst du diese Auszeichnung überreicht?

MARTIN AUER:
Nachdem wir in Österreich keinen Adel mehr haben, trösten wir uns mit Titeln wie Kammersänger, Kammerschauspielerin oder eben Professor. Die Zeremonie ist leider nicht ganz so eindrucksvoll, wie wenn Paul McCartney von der Queen zum Ritter geschlagen wird. In einem Saal des Wiener Rathauses hat mir ein Ministerialrat eine Laudatio gehalten und mir ein vom Bundespräsidenten unterschriebenes Diplom überreicht. Dazu hat ein Streichquartett Haydn gespielt. Dann habe ich eine Dankesrede gehalten, Familie, Freunde und auch ein paar Schriftstellerkollegen haben applaudiert und dann hat es Brötchen und Wein auf Staatskosten gegeben.

Auf deiner Homepage heißt es: Martin Auer ist Vater einer erwachsenen Tochter, Großvater von zwei etwas jüngeren Enkeln und Vater einer kleinen Tochter. Er lebt in Wien und hat keine Katzen.
Wie alt ist deine „kleine“ Tochter und ist sie denn älter als deine Enkel?

MARTIN AUER:
Meine große Tochter wurde 1973 geboren, die Enkel 2004 und 2007 und die kleine Tochter am 7. Juli 2008. So spielt das Leben. Als ich meiner (damals noch einzigen) Tochter erzählte: „Weißt du, ich hab jetzt eine neue Freundin, die ist ein bisschen jünger als du“, sagte sie: „Wenn du glücklich bist, Papa, ist mir alles recht. Nur eines: Mama werd ich nicht zu ihr sagen.“
Meine fünfjährige Enkelin kümmert sich rührend um ihre kleine Tante, wenn sie zu Besuch kommt.

Wieder so ein Nachsatz, der Humor verrät. „Er lebt in Wien und hat keine Katzen“. Hast du das geschrieben, weil viele Autoren Katzen haben und/oder lieben? Natürlich gibt es auch Autoren mit Hunden. :-)

MARTIN AUER:
Na ja, oft heißt es in solchen Bios: „Lebt mit seiner Frau, drei Kindern und einem Yorkshire Terrier auf einer Farm in Devon“ oder so. Also dachte ich, ich müsste auch Angaben zu meinem Bestand an Haustieren machen. Ich bin so oft auf Tournee, dass ich froh bin, wenn meine zwei Topfpflanzen überleben.

Stimmt das noch (ich habe es bei Amazon.de gelesen, aber nicht auf deiner Homepage gefunden): Martin Auer lebt abwechselnd in Wien und auf einem Bauernhof in der Steiermark?

MARTIN AUER:
Nein, leider nicht. Von 1990 bis 2000 habe ich ein uraltes Bauernhaus in Tragöß am Grünen See gemietet, urkundlich erwähnt um 1480 oder so, jedenfalls gebaut, bevor Kolumbus nach Amerika gesegelt ist. Das Erdgeschoss aus meterdicken Natursteinmauern, das Obergeschoss in Holzriegelbauweise, das Dach mit Schindeln gedeckt, die Küche mit Tonnengewölbe, Fenster und Türen mit gotischen Spitzbögen...

Bis dahin war es ein bewirtschafteter Bauernhof gewesen, doch der Bauer hatte es nur in Pacht gehabt. Es hat einem Wiener Grundstücksmakler gehört, dessen Familie das halbe Tal besitzt. Ich habe das Haus zehn Jahre lang in Schuss gehalten und vorsichtig renoviert. Der Makler hat dann meinen Mietvertrag nicht mehr verlängert, weil er es als Sommerhaus für seine Familie wollte. So weit wäre das ja in Ordnung gewesen. Nur wollte er das Haus umbauen. Ich habe das Denkmalamt verständigt und das Haus wurde sofort unter Schutz gestellt. Nur – diese Leute haben so viel Einfluss, dass sie eine solche Verordnung erfolgreich anfechten können. Nach Informationen von Wanderern, die das Haus inzwischen gesehen haben, ist das ganze obere Stockwerk abgerissen worden und zwei neue Stockwerke sind aufgesetzt worden. Ich war nie mehr dort, ich will das Haus nie mehr sehen.

Wolltest du schon immer schreiben?

MARTIN AUER:
Ja. Meine Mutter hat sehr viel gelesen und in ihrem Leben haben Dichter, vor allem Theaterdichter wie Grillparzer, eine große Rolle gespielt. Ich habe darüber in meinem Buch „Küss die Hand, gute Nacht, die liebe Mutter soll gut schlafen“ erzählt. Mein Vater war Journalist, aber ich wollte nicht Journalist werden, sondern Dichter. Denn ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass das Tollste, was ein Mensch in diesem Leben erreichen kann, ist, Dichter zu sein. Nicht König, Kaiser oder Papst, nicht Politiker oder Weltmeister oder Popstar, sondern Dichter.

Was liest du zur Zeit?

MARTIN AUER:
Heute, weil ich krank und etwas depressiv drauf bin, „Das Buch Otto“, um mich zu erheitern. Ansonsten „How I Llive Now“ von Meg Rosoff. Davor habe ich “The Curious Incident of the Dog in the Night-Time” von Mark Haddon gelesen, ein wunderliches, wunderbares Buch.

Wenn du verreist, wo reist du noch gerne hin und was ist für dich an einem Urlaubsort wichtig?

MARTIN AUER:
Sonne, Strand und Meer sind nicht unbedingt mein Ideal. Ich bin gern in den Bergen oder an einem See, es soll möglichst ruhig sein. Viel Natur, wandern, Pflanzen bestimmen, Tiere beobachten, das liebe ich. Dann am Abend vor dem Haus sitzen und ein Glas Rotwein oder auch zwei trinken. Oder auch drei.

Von Berufs wegen muss ich viel reisen, und das ist auch gut so. Es ist ganz etwas anderes, ob man in Beirut oder in Oslo oder in New York ist, um Vorträge oder Workshops zu halten, oder ob man als Tourist dorthin kommt. Aber oft führen mich meine Reisen natürlich auch nach Winsen an der Luhe oder Wurztal am Skilift. Da vereinsamt man dann schon ein wenig.

An welchem Buch arbeitest du derzeit? Weißt du schon, wie er heißen wird? Und darfst du schon ein wenig darüber verraten?

MARTIN AUER:
Ja, das ist immer ein bisschen gefährlich, zu früh über solche Projekte zu plaudern. Ich wage es aber trotzdem. Das Buch soll „Flusskrebse“ heißen, das ist zumindest mein Arbeitstitel. Eine der Hauptfiguren ist ein Biologe, der eben über Flusskrebse forscht. Flusskrebse sind in Europa fast ausgestorben. Wo es sie noch gibt, ist das ein Zeichen dafür, dass die Natur dort noch in Ordnung in ist. Der Biologe kommt in Kontakt mit Menschen, die noch ganz andere Probleme haben, Flüchtlingen aus verschiedenen Krisengebieten dieses Erdballs.

Einer von ihnen, ein junger Afrikaner, Überlebender des Völkermords in Ruanda, möchte ergründen, warum es auf der Welt Krieg gibt: „Ist es so, wie Jean-Jacques Rousseau gesagt hat, dass der Mensch von Natur aus gut ist und erst durch das Zusammenleben mit anderen egoistisch wird? Oder ist es so, wie Thomas Hobbes angenommen hat, dass die Menschen im Naturzustand einen Krieg aller gegen alle führen, und nur aus Angst einen Vertrag miteinander schließen und die Macht dem Staat überlassen, damit dieser für Frieden sorgt? Ich möchte gerne wissen, ob man diese Frage wissenschaftlich klären kann. Sie haben als Biologe sicherlich die Werke von Charles Darwin studiert. Was ist Ihre Meinung zu dieser Frage?“
„Wissen Sie, ich befasse mich hauptsächlich mit Flusskrebsen.“

Wie viele Manuskripte musstest du versenden, bis dein erstes Buch bei einem Verlag angenommen wurde? Wie war der Vorgang?

MARTIN AUER:
Da habe ich großes Glück gehabt. Das erste Buch, das ich geschrieben habe, war ein Kinderbuch. Die Idee kam von der Zauberei. Es gibt eine gewisse Klasse von Zauberkunststücken, die auf grafischen Effekten beruhen. Ich wollte ein „Verzaubertes Buch“ machen, das mit solchen Zauberkunststücken illustriert war. Man kann sich diese Kunststücke selber vorführen, ohne zu wissen, wie sie funktionieren. Weil ich schon dabei war, schrieb ich gleich noch ein zweites Buch, eine Sammlung von Gedichten und Geschichten. Dann stellte sich mir die Frage, was ich denn nun damit tun sollte. Ich rief also eine Bekannte an und fragte sie: „Du, ich hab zwei Kinderbücher geschrieben. Wie geht es denn jetzt weiter? Was mach ich denn jetzt damit?“

Diese Bekannte war Christine Nöstlinger. In meiner Jugend war ich so ungefähr ein Jahr lang mit einer ihrer Töchter liiert gewesen und halt gelegentlich auch bei Christine zum Essen eingeladen. Damals hatte sie gerade ihr erstes Buch veröffentlicht gehabt. Inzwischen war sie eine Berühmtheit. Und Christine sagte: „Na, schickst es halt mir!“ Ich schickte ihr die zwei Manuskripte. Mit dem einen konnte sie überhaupt nichts anfangen, doch das andere gefiel ihr so gut, dass sie es gleich zwei Verlagen weiterempfahl. Und so war ich in der glücklichen Lage, für mein erstes Buch zwischen zwei Verlagen wählen zu können, die beide mein Buch herausbringen wollten. So gut ist es mir seither nicht mehr gegangen.

Was ist schreiben für dich?

MARTIN AUER:
Eine Lust und eine Last.

Wirst du von einer Agentur vertreten?

MARTIN AUER:
Nein. Ich hätte eigentlich gern eine. Für mein Buch „Hurentaxi“ hat sich ein Agent interessiert und ich habe einen Vertrag mit ihm gemacht. Er hat aber nichts erreicht und ich habe das Buch selber bei einem Verlag untergebracht.

Was ist für dich der Vorteil, wenn du von einer Agentur vertreten wirst?

MARTIN AUER:
Es wäre schön, sich nur aufs Schreiben konzentrieren zu müssen. So vergeht sehr viel Zeit mit Selbstvermarktung. Doch wenn ein Agent so viel Zeit und Mühe auf meine Vermarktung verwenden würde, wie ich selbst es notgedrungen tue, dann müsste er nur von mir leben können. Damit es sich für einen Agenten lohnt, einen zu betreuen, müsste man schon so weit sein, keinen Agenten mehr zu brauchen.

Hurentaxi

In „Hurentaxi“ geht es um (lt. Amazon.de):

Fünf Monate lang hat Martin Auer bei einer der größten Wiener Callgirl-Agenturen - deren Besitzerin inzwischen wegen mutmaßlichen Menschenhandels in Untersuchungshaft musste - als Fahrer gearbeitet und aufgeschrieben, was er dabei erlebt hat und was ihm die Mädchen während der Fahrt von einem Kunden zum anderen erzählt haben. Herausgekommen ist ein packender Bericht über den wirklichen Alltag der Callgirls, ohne Sensationshascherei, tragisch und komisch und manchmal skurril.
Der erste Teil liest sich fast wie ein Roman und erzählt die Geschichten unterschiedlichster Mädchen und Frauen, von ihren Ängste und Sorgen, ihren Glücksmomenten, ihren Liebesgeschichten, wie sie ihren Job, in dem sich alles um Sex und Geld dreht, bewältigen oder daran zerbrechen, wie sie ihre Familien unterstützen, wie sie mit ihren Zuhältern fertig werden, wie sie zu den Kunden stehen, von ihren Illusionen und Enttäuschungen.
Der zweite Teil analysiert das Erlebte und geht besonders auf die Veränderungen ein, die sich seit Roland Girtlers klassischer Untersuchung Der Strich auf dem Wiener Sexmarkt ereignet haben.

Wie kamst du auf die Idee zu diesem Buch und vor allem hast du dort sozusagen „Undercover“ gearbeitet oder wussten die Leute bei der Callgirl-Agentur, dass du darüber schreiben würdest?

Hier finden Sie weitere Informationen:
Hurentaxi: Aus dem Leben der Callgirls

MARTIN AUER:
Im Lauf meines Lebens war ich mehrmals Kunde von Prostituierten und habe da mal beglückende, mal traurige und mal beschämende Erfahrungen gemacht. Und immer hat mich die andere Seite interessiert. Als ich auf der Homepage einer Escort-Agentur das Inserat sah: „Aushilfsfahrer gesucht, Taxilenker bevorzugt“, habe ich mir gedacht: „Wenn du das jetzt nicht machst, bist du kein Schriftsteller!“ Ich habe eine schlaflose Nacht verbracht und am nächsten Tag angerufen. Ich hatte vor, den Job eine Woche oder höchstens einen Monat zu machen. Es sind aber fünf Monate daraus geworden.

Nach einem Monat weiß man zwar, wie der Laden läuft. Aber in diesem Monat habe ich Menschen kennen gelernt und Freundschaften geknüpft, die mich so schnell nicht mehr losgelassen haben. Ich habe mich als erfolglosen Webdesigner ausgegeben, der früher auch mal Musik und so gemacht hat. Erst später habe ich einigen der Frauen, die ich da kennengelernt hatte, von dem Buch erzählt. Auch die Chefin, eine ehemalige Prostituierte aus Polen, hat dann das Buch gelesen. Da hat die Agentur aber nicht mehr existiert. Die Chefin wurde wegen Verdacht des Menschenhandels angezeigt, kam in Untersuchungshaft, wurde aber letztlich freigesprochen. Jetzt studiert sie Jus.

Du hast für „Hurentaxi“ eine ganze Menge recherchieren müssen und das hast du – wie gesagt – vor Ort getan. Da man alles in „Hurentaxi“ nachlesen kann – möchtest du vielleicht einen Appetizer für meinen Blog geben, von einer Begebenheit, die besonders Witzig, Skurril oder Tragisch war?

MARTIN AUER:
Bitte schön:
– No, was is der Unterschied? –
An einem Sonntagvormittag bin ich mit Lilli nach Herzogenburg gefahren, ein Vierzig-Euro-Job für mich. Als wir zu der Adresse kommen, ist es ein Seniorenwohnheim. Drei Autos sind fast gleichzeitig angekommen: Als erste die mobile Krankenschwester von der Volkshilfe, dann der Bote von Essen auf Rädern, und dahinter ist die Lilli in ihrem Miniröckchen, das gerade ihren kleinen Hintern bedeckt hat, auf zwölf Zentimeter hohen Plexiglasabsätzen hineingestöckelt.
Beim Heimfahren hat sie mir erzählt, dass sie im August für eine Woche nach Rumänien fahren will. Sie will die Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium ablegen. „Is good for me!“
Ich hab's nicht mehr ausgehalten: „But look, Lilli! Du willst Medizin studieren. Du musst doch wissen, was AIDS ist. Du musst das doch verstehen. Warum machst du Sex ohne Kondom?”
„Ich weiß, ist nicht gut. Aber Gerd sagen, Jolanta sagen.“
„Aber du musst nicht! Kein Mädchen muss das machen. Du sagst, du willst nicht, und du musst es nicht machen. Verstehst du? Alle Mädchen verwenden Kondome. Belvedere hat 60 Mädchen, und nur fünf oder sechs machen es ohne. Manche Mädchen glauben, sie sind nicht schön, sie müssen ohne Kondom arbeiten, damit sie Jobs kriegen. Aber du bist doch schön. Du hast auch so viele Jobs!“
„Thank you!“ hat sie gesagt, weil ich gesagt habe, dass sie schön ist. Und dann hat sie nur noch trotzig geradeaus gestarrt.

Am Montagmittag bin ich ins Büro gekommen und Vera, die Telefonistin, hat mir erzählt: „Stell dir vor, der Jungkranich hat angerufen. Sie arbeitet nicht mehr ohne!“
„Echt?“
„Ja!“
„Die Chefin und die Jacqueline sind daneben gesessen und die Chefin hat sich aufgeregt: No, was is der Unterschied? Grad die Jolanta, die sollt's doch wissen. Die hat nie was ohne Schutz g'macht. Weißt, und da denk i mir schon, was sind die Mädels für die?“
Zwei Tage später ist auf der Homepage wieder gestanden: Naturliebhaberin Lilli.
„Lilli, vor zwei Tagen sagt mir Vera, du hast angerufen und gesagt, keine Jobs mehr ohne Kondom.“
Sie hat gelacht und versucht, sich im Sitz zu verkriechen.
„Und heute fickst du schon wieder ohne?“
Da hat sie ihre Schnute gezogen und geradeaus gestarrt.
Ich habe ihre Hand genommen und gesagt: „Okay, okay, es ist deine Sache. Es geht mich nichts an. Gar nichts. Aber es bricht mir das Herz!“
Sie hat die Augen zugemacht und gesagt: „Schlafen!“

An einem Sonntag zwei Wochen später bin ich mit Juliette in Grinzing gewesen. Ich habe sie gerade abgesetzt, da hat mein Handy geläutet.
„Martin, pleeease, is possible you take me to hospital?“ Es war die Lilli.
„Sicher. Was ist das Problem?“
„Weiß nicht. Gastritis. Mein Bauch tut weh.“
„Gut, ich hole dich gleich. Wo bist du?”
„Radisson Hotel.“
„Gut, ich komme in 20 Minuten!“
„Nein. Erst muss fertig machen Job!“

In der Rudolfsstiftung war träger Sonntagsbetrieb.
„Na ja, Oberbauch etwas gebläht, eine leichte Gastritis is sicher vorhanden. Aber nur zur Sicherheit: Kann es sein, dass sie schwanger ist?“
Die Schwester drückt Ileana einen Pappbecher in die Hand und schickt sie aufs Klo.
„Wo ham ma denn die Gravtest, die neuen? Sag, wie ist das jetzt bei die neuen Tests? Zwei Stricherln sind positiv, net wahr? Ein Stricherl, negativ, zwei Stricherln, positiv!“
„Du, I weiß jetzt auch net. Wo is ’n die Beschreibung?“
„Wie is 'n der Urin?“
„Ja, ganz normal is er net.“
„Geh, die paar Leukozyten! Des is nix.“
„Jedenfalls, der Test is eindeutig positiv.“
„Na, dann schick ma s' gleich runter in die Gyn-Ambulanz.“
– Aber nur blasen! –
Lillis Abtreibung ist am Dienstag gewesen. Am Donnerstag hat mich die Jacqueline angerufen: „Die Lilli bitte in die Weißgerberlände 32, Tür 12.“
„Jacqueline, was hat dir die Lilli gesagt, wie sie sich heute angemeldet hat?“
„Na nix. Dass sie wieder okay ist.“
„Himmelherrgott“, habe ich geschrieen, „ich glaub ich muss dem Mädel das Leben retten, die is ja so was von blöd. Die darf drei Wochen keinen Sex haben!“
„Ich weiß.“
„Und du weißt auch warum?“
„Ja.“
Das hat mich nicht gewundert. In der Agentur redet sich alles herum, auch wenn keiner was sagt.
„Na wie kannst du sie da auf Job schicken?“
„Ich hab sie fünf Mal auf rumänisch gefragt, ob sie okay ist. Sie hat gesagt ja. Bitte, da will ich nicht den Moralapostel spielen.“
„Das hat mit Moral nix zu tun, da geht's um die Gesundheit.“
„Schau, wenn sie fahren will, soll sie fahren.“
„Na schön, ich fahr hin.“
Wenn ich gesagt hätte, ich mach das nicht, hätte sie den Miroslav hingeschickt oder den Janko.

„Hallo, ce faci?“ hat die Lilli lustig gesagt, als sie herausgekommen ist. „Bine?“ Es hat etwas verkrampft gewirkt.
„No! Not bine!“
„Why?”
„Weil du arbeitest, obwohl du weißt, dass du nicht arbeiten darfst! Wie kannst du das machen?“
„It’s ok!“
„It’s not ok! Du bist krank da drinnen, da ist alles noch offen, verstehst du, blutig! Du kannst dir eine Infektion holen! Infektion, verstehst du?“
„Nein, nein, ich arbeiten. Nicht gut bleiben zu Hause drei Wochen!“
„Lilli, du kannst nicht arbeiten!“
„Aber nur blasen!“
„Das geht nicht. Der Kunde weiß nicht, dass du nur blasen kannst. Was machst du, wenn der Kunde ficken will?“
„Nein, nein, nicht ficken. Nur blasen!“
„Aber die Agentur sagt dem Kunden nicht: Nur blasen. Das gibt es nicht. Es gibt kein Service nur mit Blasen. Das ist ein normaler Job. Du kannst das nicht machen!“
Ich habe Jolantas Privatnummer gewählt.
„Ja?“
„Jolanta, würdest du ein Mädchen auf Job schicken, das vorgestern eine Abtreibung gehabt hat?“
„Hör mal, die Jacqueline hat sie fünfmal auf Rumänisch gefragt, ob sie arbeiten kann!“
„Ja aber das Mädel ist doch deppat! Die weiß ja nicht, was sie macht. Sie glaubt, sie kann das irgendwie auf Blasen hinbiegen. Aber wenn der Kunde ficken will, sie kann das doch gar nicht händeln.“
„Schau ich hab auch abgetrieben und am nächsten Tag hab ich gearbeitet.“
„Pass auf, die Ärztin hat ausdrücklich gesagt, drei Wochen kein Sex. Sie darf drei Wochen nichts in ihre Muschi kriegen, kein Tampon, kein Badewasser und schon gar keinen Schwanz!“
„Hör mal, du bist keine Frau! Und das war ja auch keine Abtreibung, das war eine Absaugung.“
„Naa, ich bin keine Frau, aber auch bei einer Absaugung, der Uterus ist einfach gereizt und offen für Infektionen. Des kann ma einfach net machen, und sie versteht des net. Sie is doch ein Kind. Es muss nix passieren, aber es kann was passieren. Und wenn was passiert, wenn sie eine Entzündung kriegt, kann sie vielleicht ihr Leben lang keine Kinder mehr kriegen.“
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mit ihr gestritten habe. Fünf Mal hat sie wiederholt, dass sie auch abgetrieben und am nächsten Tag gearbeitet hat. Irgendwann war es ihr zu blöd, und sie hat gesagt: „Na gut, schick ma halt die Betsy!“
Na super, die Betsy!
„Verstehst du jetzt?“ habe ich zu Lilli gesagt. „Warum schicken sie jetzt die Betsy statt dir? Die schaut doch ganz anders aus. Die ist doch ein ganz anderer Typ! Verstehst du noch immer nicht? Weil die Ohne macht. Die wollten, dass du ohne fickst!“
„Betsy hat Job? Nicht ich? Ist nicht gut! Kein Job, kein Geld!“
„Ich bring dich jetzt nach Hause. Fahr nach Rumänien, mach Urlaub drei Wochen, dann kommst du wieder und verdienst viel Geld, ok!“
Drei Tage später ist ihr Foto auf der Homepage von Sweet-Escort gewesen. Da hat die Jolanta sie auch wieder von der Urlaubsliste genommen.
Scheiß-Peşte.
Peşte heißen in Rumänien die Zuhälter: Fisch.

Inzwischen gibt es ab November 2009 ein Bühnenstück, das im „Schubert Theater“ Wien. Hast du selbst das Script für das Bühnenstück geschrieben?

MARTIN AUER:
Ja. Ich habe zuerst ein Filmscript geschrieben. Es haben sich verschiedene Regisseure dafür interessiert, Frieder Schlaich von der Filmgalerie 451, Hans Weingartner, Michael Glawogger. Es ist aber bis jetzt nichts daraus geworden. Das ist im Filmbusiness so. Von 100 Projekten wird vielleicht eines realisiert. Anlässlich einer Lesung im Wiener Schuberttheater, zu der kein Schwein gekommen ist, habe ich den jungen Theatermachern dort von dem Filmscript erzählt, und dass man daraus auch ein Zweipersonenstück machen könnte, in dem alle weiblichen Rollen von derselben Darstellerin gespielt werden. Die waren sofort begeistert und so habe ich das Filmscript umgeschrieben. Das Stück verwendet nur Szenen aus dem Buch und originale Dialoge, die Handlung ist aber auf einen Tag und eine Nacht komprimiert. Es spielt praktisch alles im Auto, es ist also ein Roadmovie auf der Bühne. Als Darstellerin haben wir Viviane Platzer entdeckt. Auf den Fotos der Homepage ist schon zu erkennen, wie wandlungsfähig sie ist.

Du schreibst hauptsächlich Kinderbücher. Könntest du uns vielleicht ein Beispiel für deine ersten Überlegungen für die Handlung von „Das ganz, ganz kleine Schwein mit dem ganz, ganz großen Hunger“ geben?

MARTIN AUER:
Wie solche Ideen entstehen, ist fast unmöglich zu beschreiben. Da ist plötzlich ein Tonfall im Ohr, eine Melodie. „Es war einmal ein ganz, ganz kleines Schwein, das hat einen ganz, ganz großen Hunger gehabt. Und weil es einen ganz, ganz großen Hunger gehabt hat, hat es den ganzen, ganzen Schweinetrog leergefressen“. Die Geschichte lebt eigentlich nur von diesem kindlichen „ganz, ganz“. Würde man die Geschichte anders erzählen, etwa so: „Es war einmal ein sehr kleines Schwein, das war sehr, sehr hungrig...“, wäre es schon nicht mehr so lustig.

Und vor allem: die nächste Pointe wäre so gar nicht mehr möglich: „Und davon ist das ganz, ganz kleine Schwein gewachsen. Und sein ganz, ganz großer Hunger ist auch gewachsen.“ Der „Hunger“ muss als Hauptwort vorkommen, nicht als Eigenschaftswort „hungrig“. Im kindlichen Denken ist „der Hunger“ etwas Dingliches, das naturgemäß mit dem Schwein mitwächst. Also muss das Schwein noch mehr fressen, aber je mehr es frisst, umso größer wird auch der Hunger. So ergibt sich ganz logisch, dass es nicht mehr aufhören kann zu fressen, bis es die ganze Welt verschlungen hat.

Die Geschichte zerplatzt wie eine Seifenblase, wenn sich am Schluss herausstellt, dass der kleine Tim sie nur erzählt hat, weil er seinen Spinat nicht essen will und heute nur „einen ganz, ganz kleinen Hunger“ hat. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er auch so einen großen Hunger hätte wie das ganz, ganz kleine Schwein.
Vor kurzem habe ich die chinesische Ausgabe von dem Büchlein bekommen. Ich würde wirklich gern wissen, wie das übersetzt ist. Die französische Ausgabe ist ganz gut gelungen, die reimt sich sogar gelegentlich.

Wie gingst du an den Plot für "Das ganz, ganz kleine Schwein mit dem ganz, ganz große Hunger“ heran?

MARTIN AUER:
Tja, was ich da vorhin geschildert habe, ist eine nachträgliche Analyse meiner eigenen Geschichte. Aber so entstehen die Geschichten nicht. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich diese Geschichte ganz rasch hingeschrieben, ohne viel nachzudenken. Man konstruiert solche Geschichten nicht, sie entstehen aber auch nicht plötzlich aus dem Nichts. Da sind viele Komponenten dabei, die schon sehr lange irgendwo im Hinterkopf gespeichert waren, Erlebnisse mit Kindern, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Erinnerungen an einzelne Redewendungen, an Stimmen und Stimmungen...

Fallen dir Dialoge, Charaktere oder szenische Darstellungen leichter, fällt dir alles gleich leicht oder anders gefragt, magst du alles gleich gerne?

MARTIN AUER:
Am leichtesten fallen mir Dialoge. Meine Personen werden – denke ich – immer durch ihre Sprechweise charakterisiert. In meinen ersten Lebensjahren habe ich nur Hochdeutsch gesprochen. Meine Mutter war ein Arbeiterkind aus Favoriten (dem 10. Bezirk von Wien), doch sie hatte eine Schauspielausbildung, und damit es das Kind einmal leichter hat in der Schule, hat sie mit mir nur Hochdeutsch gesprochen. Mein Vater kam aus dem jüdischen Großbürgertum und konnte zeitlebens nicht richtig Wienerisch sprechen. Als ich nicht ganz 5 Jahre alt war, übersiedelten wir vom bürgerlichen 1. Bezirk in den proletarischen 16., nach Ottakring. Die Kinder, die ich dort antraf, sprachen eine mir fast unverständliche Sprache. Doch da sie in der Mehrheit waren, waren sie es, die „richtig“ sprachen, und ich war es, der „komisch“ redete. Obwohl ich sehr bald ihre Tonfälle und Aussprache nachmachen konnte, wurde ich meine Außenseiterrolle nie ganz los. Ich glaube, dass ich von daher ein sehr feines Ohr für Tonfälle entwickelt habe, und sehr früh gelernt habe, wie wichtig es ist, „richtig“ zu sprechen, um dazu zu gehören.

Gehst du zuerst monatelang mit der Geschichte schwanger und fängst dann zu schreiben an oder hast du alle Recherchearbeiten abgeschlossen, das Exposee ist fertig und du beginnst zu schreiben? Wie muss man sich das vorstellen?

MARTIN AUER:
Ich gehe immer mit vielen Geschichten schwanger, doch da gibt es viele Totgeburten und oft kommt es nicht einmal dazu. Wenn ich eine Geschichte im Kopf fertig ausgearbeitet habe, ist das für sie fast immer das Todesurteil. Denn eine fertige Geschichte niederzuschreiben ist nichts als langweilige Tipparbeit. Ich muss mich noch selber überraschen können, sonst ist mir die Schreiberei zu mühselig. Oft drängen sich neue Ideen vor, bevor die alten ausgearbeitet sind. Vieles bleibt liegen, wird nie fertig. Ich bin sehr undiszipliniert. Oft sind es kleine Nebenprodukte, die ich schnell mal irgendwie hintippe, die dann Erfolg haben und sich als wohlgerundete, in sich geschlossene Werke herausstellen, während Dinge, an denen ich mühsam gefeilt und gewerkt habe, schwer verdauliche Konstrukte bleiben.

Wie muss man sich einen Tag in deinem Leben vorstellen, wenn du an einem Buch arbeitest?

MARTIN AUER:
Da ist jeder Tag zum Glück anders. Es gibt Tage, wo ich mir gleich am Morgen den Laptop ins Bett hole zusammen mit einer großen Tasse Tee und bis Mittag schreibe. Es gibt Tage, wo ich nur blöd im Internet herumsurfe. Es gibt Tage, wo ich um 4 Uhr morgens aufstehen muss, um einen Zug zu erwischen, der mich zu einer Lesung bringt. Auf manchen Zugfahrten bin ich sehr kreativ, mein Laptop ist immer dabei, auf manchen aber bin ich einfach nur müde, müde, müde. Ich schreibe in Parks, in Kaffeehäusern, in Hotelzimmern, auf Flughäfen. Es gibt Tage, da schreibt meine Freundin und ich bin den ganzen Tag mit unserer Tochter im Schwimmbad. Es gibt Tage, da beantworte ich nur Emails, telefoniere mit Veranstaltern und erledige meine Buchhaltung. Es gibt Tage, wo ich den ganzen Tag trödle und erst am Abend zu schreiben beginne. Es gibt Tage, wo einfach nichts weitergeht.

Wo schreibst du am liebsten?

MARTIN AUER:
Ich schreibe oft im Bett oder in einem Liegestuhl in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher läuft, aber ohne Ton, meistens arte oder 3sat, und wenn ich vom Bildschirm meines Laptops aufschaue, sehe ich auf dem anderen Bildschirm etwas über den Regenwald oder die Wüste oder Leute, die über irgendwas diskutieren oder einen alten französischen Film mit Fernandel oder Michel Simon. Ich habe aber, nach fast zehn Jahren, wieder ein Häuschen im Grünen im Auge, und wenn ich das bekomme, werde ich wieder oft im Garten schreiben.

Hörst du auch Musik beim Schreiben und wenn ja, welche, oder brauchst du absolute Stille?

MARTIN AUER:
Nein, Musik beim Schreiben, das geht nicht. Schreiben ist ja Musik, Sprache hat Rhythmus und Melodie und eine zweite Musik nebenher würde absolut stören.

Welchen Tipp hättest du für angehende Autoren, die ein Buch veröffentlichen möchten?

MARTIN AUER:
Lass die Finger davon, mach lieber Webdesign!

Nein, im Ernst: Es wird immer schwieriger. Die Verlage machen immer kleinere Auflagen und wollen am liebsten nur mehr Bestsellerverdächtiges publizieren. Die Großverlage machen keine Nischenprogramme mehr und die Kleinverlage werden von den Buchhändlern immer mehr ignoriert. Früher war es so: Wenn eine Auflage verkauft war, hieß es bei der Verlagskonferenz: „Können wir von dem Titel noch einmal 2000 verkaufen?“ Wenn die Antwort „Ja“ war, wurde eine neue Auflage gedruckt. Heute lautet die Frage ein wenig anders: „Können wir von dem Titel in 6 Monaten 2000 verkaufen?“ Wenn die Antwort lautet: „Nein, das dauert zwei Jahre“, dann wird nicht gedruckt. Die Verlage trauen sich nichts mehr: Ich habe zwei Jahre gebraucht, um für ein Kinderbuch über eine Putzfrau, die nicht richtig Deutsch sprechen kann, einen Verlag zu finden. Eine Spaltung des Buchmarktes zeichnet sich ab, ähnlich wie die Spaltung des Musikmarktes.

Die großen Labels produzieren nur mehr Hitverdächtiges, die meisten Bands verscherbeln ihre selbstproduzierten CDs bei Konzerten. In Zukunft wird es so sein, dass die Verlage nur noch Bestsellerverdächtiges herausbringen. Der Großteil der Autoren wird seine Bücher bei lulu.com oder bod.de als Print on Demand herausbringen und wird selber im Internet dafür die Werbetrommel rühren. Blogs wie der deine und Bewertungssysteme wie auf amazon werden die Aufgaben übernehmen, die von den Großkritikern der klassischen Medien nicht mehr wahrgenommen werden. Wer dann vom Bücherschreiben noch leben kann, das wird sich weisen.

Mein Rat wäre also: Schreibe, veröffentliche deine Sachen als Blog oder Podcast, geh zu Poetry Slams und Open Mics, lies eine Kurzgeschichte auf Video und stell sie auf Youtube, nimm an Wettbewerben teil und so weiter. Wenn du gut bist, werden Leute deine Sachen finden, sie lesen oder anhören oder anschauen und du wirst dein Publikum bekommen. Vielleicht kaufen sie dir dann auch ein paar Bücher ab, die du im Selbstverlag herausgebracht hast. Hüte dich vor Zuschussverlagen, die Geld von dir verlangen, um deine Bücher rauszubringen. Und dann schick halt in Gottes Namen Manuskripte herum an Verlage, die dir sympathisch sind. Vielleicht hast du ja Glück. Aber erwarte nicht, vom Schreiben leben zu können. Das hat auch Vorteile: Wenn du vom Schreiben eine Familie ernähren musst, musst du immer überlegen, ob das, was du schreibst, auch verkäuflich ist. Du bist immer in Gefahr, für den Markt zu schreiben. Wenn du nicht davon leben musst, kannst du schreiben, was du willst, kannst du dir deine Freiheit bewahren.

Vielen Dank, Martin Auer, für das Interview.

Kommenden Freitag stelle ich ein Interview mit Sandra Lessmann online.

Krystin N. hat „Hurentaxi“ als CD gewonnen, denn sie hat die nachfolgende Frage richtig beantwortet. Hier die Frage: Wenn Martin Auer in den Urlaub fährt, worüber ist er dann froh, dass es überlebt?
Kommende Woche gibt es am Dienstag oder Mittwoch wieder Bücher zu gewinnen - Mitmachen lohnt sich!

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Das war Aveleen Avide
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