Willkommen bei Aveleen Avide

Warum schreibt Hans-Jürgen Rusch am liebsten Krimis, die auf See spielen? Und was für ein Schreibpensum hat er wöchentlich? Auf meinem Internetblog berichte ich über Autoren und Schriftsteller. Außerdem berichte ich über Lesungen in München, über Buchmessen und das Krimifestival in München und andere buchaffine Events. Auf meinem Blog gibt es die meisten Interviews mit Autoren im Netz.

Wer mir eine Frage zum Interview beantworten kann und mir dazu eineE-Mail sendet, der kann „Gegenwendel“ gewinnen. Es gibt sogar 2 Bücher zum gewinnen. Wie es geht? Das steht am Ende des Interviews.

Hans-Juergen Rusch

Hans-Jürgen Ruschist Autor und er hat ein eigenes Unternehmen.

Hans-Jürgen Rusch wurde am 1957 geboren und er hat Schiffsbetriebstechnik sowie Elektrotechnik studiert. In diesen Berufen haben Sie sehr lange gearbeitet. Sie waren auch Marineoffizier in Peenemünde und Stralsund. Was sind die Aufgaben eines Marineoffiziers?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
An Bord eines Schiffes dienen Offiziere in zwei grundlegend unterschiedlichen Bereichen: Zum einen sind da die nautischen Kollegen, die als Kommandant oder Wachoffizier auf der Brücke stehen und zum anderen die technischen Offiziere, die sich tief unten im Rumpf des Schiffes um den sicheren Betrieb aller Anlagen und Systeme kümmern.

Neben den Aufgaben auf See, gibt es aber auch zahlreiche Stellen an Land. So bin ich nach vier Jahren als Technischer Offizier auf einem Versorger zur Offiziershochschule nach Stralsund gegangen und habe bis zur Wende 1990 als Dozent und Fachgruppenleiter die Studenten im Fach Elektrische Maschinen/Antriebe ausgebildet.

Ab 1991 waren Sie Geschäftsführer in Bremen bei einem mittelständischen Unternehmen. Was für eine Art Unternehmen war das?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Da muss ein kleiner Irrtum vorliegen – ich konnte 1991 nicht gleich als Geschäftsführer im Westen anfangen. Obwohl ich in der DDR bereits eine Karriere vorweisen und auf 10 Jahre Berufserfahrung zurückblicken konnte, begann ich in Bremen von vorn, als einfacher Projektierungsingenieur. Aus heutiger Sicht betrachtet, war mein Neueinstieg in Bremen völlig richtig – ich konnte mich in Ruhe umgewöhnen, viel lernen und habe dann im Schnelldurchlauf von 10 Jahren meine Karriere über die Stationen Assistent der GF, Entwicklungsleiter und Technischer Leiter bis zum Geschäftsführer absolviert.

Das Familienunternehmen in dem ich all dieses erlebt habe, beschäftigte sich mit der Herstellung von Schweißgeräten und Ladetechnik für Bleiakkumulatoren – zugegebenermaßen ein ziemlich spezieller Bereich, aber für einen Elektroingenieur sehr interessant.

2005 haben Sie sich mit einem Partner selbständig gemacht. Darf ich fragen in welcher Richtung Sie sich selbständig gemacht haben?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Wir sind mit unserer Firma dem Bereich Schweißtechnik treu geblieben. Dabei sind wir stolz darauf, unserem ehemaligen Arbeitgeber, dem Familienunternehmen in Bremen, keinen einzigen Kunden abspenstig gemacht zu haben. Wir haben unser eigenes Unternehmen mit einem Spezialgebiet (der Hochfrequenz-Invertertechnik) aufgebaut. Dass dieses (zumindest bisher) ein lohnender Bereich ist, zeigt sich in unserer Mitarbeiterzahl: 2005 haben wir zu viert angefangen und heute sind wir 18 Leute.

Die See scheint Sie ein Leben lang interessiert zu haben. Was ist es, das Ihnen an diesem Element gefällt?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Das Meer fasziniert viele Menschen. Ich denke nur daran, wie jedes Jahr im Sommer wahre Blechkarawanen in Richtung Strand, Meer und Sonne aufbrechen. Oder denken wir an die Armada von Kreuzfahrtschiffen, die abertausende von Reisenden über alle Weltmeere schippern.

Wenn man allerdings selbst einmal zur See gefahren ist, dann wird die Beziehung zum Meer noch viel intensiver. Besonders verbinde ich meine aktive Fahrenszeit mit dem Gefühl, in einer verschworenen Gemeinschaft gelebt zu haben. Wir haben damals einen Orkan auf der Ostsee in jener schweren Sturmnacht vom 23. zum 24. Dezember 1980 überstanden und wir haben komplizierte technische Probleme fernab des Heimathafens gemeistert. Aber auch die besinnlichen Stunden auf dem Achterdeck, nach einer anstrengenden Wache, mit einem Pott Kaffee in der Hand und das gleichmäßige Dröhnen der Maschinen unter den Füßen, allein mit den Wellen und einem endlosen Himmel, bleiben eine schöne Erinnerung.

In meinen Büchern möchte ich den Lesern dieses Besondere des Meeres deutlich machen. In „Gegenwende“ steht ja die Volksmarine im Mittelpunkt, der im kommenden Februar erscheinende Krimi „Neptunopfer“ spielt auf einem Kreuzfahrtschiff und das Buch, an dem ich gerade arbeite, wird die Welt der Küsten-Ausflugsschiffe etwas näher beleuchten.

Was lesen Sie zurzeit? Und wenn Sie lesen, welche Genres lesen Sie am liebsten?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Ich lese sehr viel Fachliteratur. Als ein Mensch, der durch die Wende in der DDR geprägt wurde, interessiert mich die deutsche Historie in Ost und West, die genau zu dieser Entwicklung geführt hat. Ich möchte die Schnittpunkte unserer Geschichte auch zukünftig in meinen Krimis behandeln. Während in der „Gegenwende“ die Vorgänge von 1990 eine wichtige Rolle spielen, wird in meinem gegenwärtigen Projekt das Jahr 1968 mit der Notstandsgesetzgebung im Westen und der Intervention in der CSSR durch den Osten beleuchtet. Und um all dieses beschreiben zu können, bedarf es einer umfangreichen Recherche.

Natürlich lese ich auch Belletristik, aber hier ausschließlich Kriminalromane. Mich interessiert, wie die Kollegen spannende Geschichten um Mord und Verbrechen erzählen. Dabei bedaure ich, dass immer mehr Gewalt und durchgeknallte Charaktere das Genre bestimmen. Ich mag es lieber, wenn Täter und Ermittler sich immer wieder etwas einfallen lassen und der Leser dadurch interessante Wendungen erlebt.

Wenn Sie verreisen, wo reisen Sie gerne hin und was ist Ihnen an einem Urlaubsort wichtig?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Vielleicht können Sie es erraten – ich liebe Kreuzfahrten. So oft es das Budget der Haushaltskasse zulässt, verbringen meine Frau und ich schöne Tage auf einem der Traumschiffe, wie sie es in ungezählten Variationen gibt.
In den Jahren dazwischen zieht es uns zur Winterszeit in wärmere Gefilde. Dabei bevorzugen wir innereuropäische Ziele, wie z. B. in diesem Jahr Madeira.

Was ist schreiben für Sie?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Schreiben ist für mich zunächst der Spaß, spannende Geschichten zu erfinden und den Lesern zu erzählen. Ich vergleiche das Krimischreiben gern mit Schachspielen – jeder Zug muss sitzen und einer schlüssigen Strategie folgen. Im Schach folgt einem falschen Zug oftmals die Niederlage und im Kriminalroman wird der Leser enttäuscht.

Auf der anderen Seite bietet mir das Schreiben eine wichtige Ablenkung von den Sorgen des Alltags. Ich erinnere mich da an das Frühjahr 2006. Meine Firma gab es damals beinahe ein Jahr. Wir hatten erfolgreich unseren ersten Großauftrag abgewickelt, aber Folgeaufträge blieben aus. Die Fragen nach dem „Wie geht’s weiter? Geht’s überhaupt weiter?“ bereiteten mir damals ziemliches Kopfzerbrechen. Und dass daraus nicht schlaflose Nächte wurden, hatte ich meinem Schreiben zu verdanken. Abends, wenn ich in die virtuelle Welt meiner Geschichten eintauchen konnte, waren die realen Sorgen vergessen.

Da Ihr erster Krimi erst 2008 erschien.. Wie kamen Sie zum belletristischen Schreiben?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Eigentlich habe ich schon immer gern geschrieben, allerdings nur Fachbeiträge und -aufsätze. Im Jahre 2003 hatte mich ein Kollege auf die Idee gebracht, ein Fachbuch zum Thema Schweißen zu schreiben. Für das Manuskript brauchte ich ein Jahr. Anschließend konnte ich es ohne Mühe verkaufen. Diese ganze Arbeit hatte mir soviel Spaß gemacht, dass ich unbedingt am Ball bleiben wollte. Über das Schweißen gibt es nun nicht soviel zu schreiben, sodass ich mir auf alle Fälle ein neues Gebiet suchen musste und einen Roman zu schreiben, ist schon reizvoll.

Belletristisches Schreiben stellt völlig andere Anforderungen als das Erarbeiten von Fachtexten. So begann ich mit dem Üben und Lernen und Üben und Lernen. Zum Glück gibt es heute ja viele Möglichkeiten, sich das handwerkliche Rüstzeug für belletristisches Schreiben anzueignen. Schließlich vergingen drei Jahre, bis 2008 mein Debüt „Späte Rechnung“ erschien.

Gegenwende

lt. Amazon.de geht es in „Gegenwende“ um:
Juli 2007. Zwei Männer, unterwegs mit ihrer Segeljacht nach Helgoland, werden auf offener See entführt. Wenig später entdeckt die Journalistin Svenja Windisch auf einer Autobahnbaustelle in Bremen ein männliches Skelett.
Svenja wittert die große Story. Doch ihre Recherchen führen sie zurück in die eigene Vergangenheit. Zurück in die ersten Monate des Jahres 1990. Damals lernte sie während des Sturms auf die Stasi-Zentrale in Berlin den Stralsunder Bürgerrechtler Robert Bigalke kennen. Und sie erfuhr von einem drohenden Militärputsch, der Gegenwende ...

Hier finden Sie weitere Informationen:
Gegenwende: Kriminalroman

Wie kamen Sie auf die Idee zu „Gegenwende“?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Die Wendezeit von 1989/1990 war ein tiefer Einschnitt in meinem Leben. Auch wenn ich mich heute zu den absoluten Gewinnern der Veränderungen zählen kann, erinnere ich mich immer wieder auch an all die Zweifel und Ängste, die mich als jungen Familienvater in jener Zeit bewegt haben. Leider zeichnen die meisten Bücher/Filme über die Wende ein sehr stereotypes Schwarz-Weiß-Bild: die Guten sind immer dieselben und die Bösen kennt man auch von vornherein. Mir geht es in der Gegenwende darum, besonders die Zeit des Jahresbeginns 1990 in einem differenzierten Licht zu zeigen. Und da die einfachen Befindlichkeiten eines Normalbürgers kaum einen Leser interessieren dürften, habe ich die Wirklichkeit überzeichnet und mir einen spannenden Kriminalfall zwischen Realität und Fiktion ausgedacht.

Mussten Sie viele Manuskripte versenden, ehe „Gegenwende“ von einem Verlag angenommen wurde? Und wie war es bei Ihrem ersten Krimi?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Für mein erstes Manuskript, immerhin ca. 40 mal versandt, habe ich keinen Verlag gefunden. Heute verstehe ich das, es war einfach nicht gut genug. Das zweite Manuskript „Späte Rechnung“ habe ich auch wieder an zahlreiche Verlage geschickt und hatte mehr Glück: Immerhin drei Kleinverlage hatten Interesse bekundet. Ich hatte mich dann für eine Zusammenarbeit mit dem Sieben-Verlag entschieden und das Buch kam im Oktober 2008 heraus.

Das MS der „Gegenwende“ hatte ich auch wieder an zahlreiche Verlage geschickt, aber dieses Mal brauchte ich nicht lange zu warten. Aus dem Hause Gmeiner wurde bereits nach wenigen Tagen Interesse an der Geschichte geäußert. Danach ging dann alles sehr schnell.
Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass mit der „Gegenwende“ auch ein gewisses Risiko verbunden war – gerade zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gab es viel Skepsis zu Wende-Büchern, ob des Überangebotes. Umso mehr bin ich froh darüber, dass der Gmeiner-Verlag dieses Buch herausgebracht hat.

An welchem Buch arbeiten Sie derzeit und dürfen Sie uns schon ein wenig darüber verraten?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Wie bereits oben erwähnt, liegt mein nächstes Buch „Neptunopfer“ im Lektorat und wird dort bearbeitet. Im Mittelpunkt steht ein Kreuzfahrtschiff. Die Handlung bezieht sich auch aktuelle Themen der Gegenwart (Bildungsmisere und Lobbyismus), während ich auf die Verknüpfung zu historischen Ereignissen verzichtet habe.

Mit dem Projekt, das ich gerade konzipiere, werde ich erneut eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen. Verwicklungen um ein Millionenerbe, die den Kapitän eines Ausflugsschiffes in Bedrängnis bringen, haben ihre Wurzeln in den Ereignissen des Jahres 1968.

Ich bin sicher, dass Sie für „Gegenwende“ recherchieren mussten. Ist Ihnen bei den Recherchen etwas Überraschendes, Außergewöhnliches, Witziges passiert? Und falls ja, was?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Da ich sehr nah an den historischen Ereignissen bleiben wollte, musste ich tatsächlich sehr viel recherchieren. Das Internet bietet zwar viele Möglichkeiten, dennoch habe ich etliche Stunden im Stadtarchiv von Stralsund verbracht. Als ich eines Tages dort meine Dokumente in Empfang nahm, kam mir der Mann an der Ausgabe bekannt vor. Auch er schaute irgendwie komisch. Als ich dann Stunden später die Unterlagen wieder abgab, fragte er mich, ob ich der Hans-Jürgen Rusch bin, der 1990 das Bürgerkomitee für Kultur in Stralsund geleitet hatte. Ich bejahte und wusste im selben Moment, dass da Eddi, mein damals emsigster Mitstreiter, vor mir stand. Die Freude war groß auf beiden Seiten. Natürlich hatten wir viel zu erzählen, denn nach 1990 hatten wir uns völlig aus den Augen verloren.

Wie gingen Sie an den Plot für „Gegenwende“ oder vielleicht sogar an all Ihre Plots heran?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Am Anfang eines Plots steht immer eine Kernidee. Danach entwickele ich die Lebensläufe der Hauptpersonen relativ detailliert. Aus diesen Lebensläufen ergeben sich bereits Konfliktsituationen, die den Plot als Nebenhandlungen bereichern. Wenn die wichtigsten Charaktere das Licht der Welt erblickt haben, erweitere ich den Plot um die Kernidee herum immer weiter: Ich lege (mehrere) Täter und (mehrere) Opfer fest und überlege mir möglichst interessante Tötungsarten. Schließlich füge ich Wege der Aufklärung in den Plot ein. Erst danach überlege ich, auf welche Weise ich den Leser in die Irre leite und überraschende Wendungen einbaue.

Bei all den Elementen, die ich in das MS einbaue, achte ich streng darauf, dass keine Zufälle eine wichtige Rolle spielen – Zufälle zeugen von der Faulheit des Autors und machen den Plot unglaubwürdig. Erst wenn alle Elemente logisch und nachvollziehbar miteinander verbunden sind, gebe ich mich zufrieden.

Könnten Sie uns ein Beispiel für Ihre ersten Überlegungen zur Handlung geben?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Die Grundidee der „Gegenwende“ lag darin, dass ich Ängste und Unzufriedenheiten, wie wir Offiziere sie besonders zu Beginn des Jahres 1990 erlebt hatten, darstellen wollte. Um damaligen Vorgänge möglichst spannend einzupacken, ging ich bereits am Anfang der Planungen von einem Putsch aus. Militär besitzt Waffen und wenn es unzufrieden ist, dann kann Militär diese Waffen gegen eine Regierung einsetzen.

Um diese Option glaubhaft erscheinen zu lassen, musste ich mir überlegen, wie ein Putsch hätte ablaufen können. Als günstigsten Zeitpunkt wählte ich den 18. März 1990, den Tag der Volkskammerwahl. Hier war die alte SED-Macht offiziell abgewählt worden, aber eine neue Regierung hatte sich noch nicht gefunden. An jenem Abend versammelte sich die gesamte Politprominenz der DDR, sowie zahlreiche ausländische Gäste im Palast der Republik. Den hätte das Militär besetzt und damit die politische Führungsschicht der DDR ausgeschaltet. Gleichzeitig hätten so unzählige Geiseln in die Gewalt des Militärs gebracht werden können.
Blieben drei Probleme: die offenen Grenzen, die Machtübernahme im Inneren der DDR und das Verhalten des Auslands. Um überhaupt eine Chance auf eine internationale Duldung der Putschvorgänge zu bekommen, mussten die Grenzübergänge zur Bundesrepublik unblutig wieder geschlossen werden müssen. Ich hatte die Idee von Feuerwerken. An allen Grenzübergängen sollten Feuerwerke abgebrannt werden. Im Anschluss daran sollte der Rundfunk melden, dass diese Feuerwerke radioaktiv verseucht gewesen waren. Das Militär gewann so Zeit und konnte ohne Bedrängnis die Grenze wieder abriegeln. Was die Machtübernahme im Inneren betraf, erfand ich Sedss – einen Plan, der dem Plan Walküre von 1944 ähnelte.

Für eine ausländische Akzeptanz der Vorgänge setzte ich in meinen Überlegungen auf die Skepsis von Frankreich und Großbritannien, wie sie damals gegen die deutsche Wiedervereinigung bestanden hatte.

Damit hatte ich die Grundidee eines Putsches entwickelt, der als realistische Grundlage für den Plot dienen konnte.

Fallen Ihnen Dialoge, Charaktere oder szenische Darstellungen leichter, fällt Ihnen alles gleich leicht oder anders gefragt, mögen Sie alles gleich gerne?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Ich liebe die Abwechslung und achte beim Schreiben auch darauf, dass sich Dialoge und szenische Darstellungen in einem gesunden Verhältnis abwechseln. Für mich kommt es aber auch darauf an, dass sich der Leser die Szene, die handelnden Personen und die Umgebung vorstellen können. Bei den Beschreibungen kommt mir wohl meine Leidenschaft für die Fotografie zugute. Die Fotografie hat mich gelehrt, genau hinzuschauen und auf das Wesentliche zu achten. Man ist ja gezwungen, das Wesen des Motivs in einem typischen Moment darzustellen. Dieser Zwang der Lichtbildnerei erzeugt eine bestimmte Art des Überlegens, die mir jetzt beim Schreiben sehr hilft.

Eine Große Bedeutung messe ich den Charakteren bei. Sie sind für mich die Träger des Plots, aus ihrer Vergangenheit entstehen die Konflikte, die die Handlung vorantreiben. In meinen Büchern bekommt keine Figur eine Hauptrolle, die nicht einen ausführlichen Lebenslauf vorweisen kann.

Wie schaffen Sie es, dass keine losen Fäden im Buch übrig bleiben?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Das ist wirklich eine gute Frage. Manchmal komme ich mir wirklich wie ein Seiler vor, der die Sehlen eines Tampen auseinandergefuselt hat und diese wieder zusammenfriemeln muss.
Aber ich habe mir da mittlerweile eine Methode einfallen lassen, die hilft, die Übersicht zu behalten. Während der Planung des Plots notiere ich nicht nur alle Szenen der Handlung, ich plane auch die Rahmenhandlungen, die für den Leser zunächst unsichtbar bleiben, die alle Szenen aber logisch miteinander verbinden. Während des Schreibens muss ich dann darauf achten, dass die Rätsel aller Nebenhandlungen in irgendeiner Szene aufgeklärt werden.

Wie gingen Sie an die Protagonistin, die Journalistin Svenja Windisch heran?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Danke, dass Sie mich nach der Figur Svenja fragen. Sie ist ein typisches Beispiel für das Eigenleben, das Figuren während des Entstehungsprozesses eines Romans führen. In meinen ersten Überlegungen spielte Svenja nur die Rolle einer zickigen Lückenbüßerin. Als arbeitslose Gegnerin der Gegenwende sollte sie die Kreise der Putschisten immer wieder stören und schließlich in den Westen abgeschoben werden.

Durch ihre Eigenschaften, wie ich sie Svenja zugedacht hatte, wurde sie immer wichtiger für die Handlung, rückte mehr und mehr in den Vordergrund, bis sie schließlich zur Hauptprotagonistin wurde und im fertigen Buch die Handlung in weiten Stücken mitbestimmt.

Würden Sie uns einfach mal ein Beispiel für die ersten Überlegungen zur Figur geben?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Meine ersten Überlegungen gingen davon aus, dass Christian Koschak und seine Ehefrau Nadja als Protagonisten agieren sollten. Svenja, Nadjas Schwester, sollte als Antagonistin die beiden immer wieder stören und für Unruhe sorgen.

Gehen Sie zuerst monatelang mit der Geschichte schwanger und fangen dann zu schreiben an oder haben Sie alle Recherchearbeiten abgeschlossen, das Exposee ist fertig und Sie beginnen zu schreiben? Wie muss man sich das vorstellen?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Grundsätzlich bearbeite ich alle Buchprojekte nacheinander. Ich hatte die Arbeit am „Neptunopfer“ erst abgeschlossen, ehe ich mir das neue Projekt vornahm. Natürlich habe ich schon sehr früh angefangen, Bücher über die Thematik 1968 zu lesen, um einen kleinen Vorlauf in der Recherche zu bekommen. Jetzt plane ich den Plot und erstelle ein recht umfangreiches Treatment von ca. 50 Seiten, das die Handlung ziemlich detailliert beschreibt. Bei diesem neuen Projekt plane ich ziemlich genau. Während der Konzeption des Plots „Neptunopfer“ hatte ich weit weniger Konsequenz walten lassen und viele Handlungsfäden offen gelassen. Diese Nachlässigkeit musste ich mit mehr Schreibarbeit bezahlen. Nachdem ich 80 % des Manuskripts in der ersten Version geschrieben hatte, konnte ich von vorn anfangen und bestimmt 200 Seiten wegwerfen.

Wenn das Treatment fertig ist, beginne ich zu schreiben. Natürlich will ich mich da weitestgehend an die Vorplanung halten, aber neue Ideen sind dennoch jederzeit willkommen.

Wie muss man sich einen Tag in Ihrem Leben vorstellen, wenn Sie an einem Buch arbeiten?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
An Arbeitstagen klingelt der Wecker kurz vor sechs. Nach dem Spaziergang mit meinen Hunden frühstücke ich zusammen mit meiner Frau und kurz nach halb acht sitze ich in der Firma am Schreibtisch. Gegen 18.00 Uhr geht’s nach Hause, es folgt das Abendessen und ab 19.00 Uhr findet man mich am PC beim schreiben. Wie lange? Das hängt davon ab, wie es läuft und wie weit ich mit meinem Wochensoll von 25 Seiten bin. Mache ich in der Woche länger und schaffe mehr, bleibt an den Wochenende mehr freie Zeit. Gelingt mir unter der Woche wenig, oder ich habe keine Zeit, weil möglicherweise Dienstreisen anlagen, sitze ich Samstag und Sonntag länger.

Wo schreiben Sie am liebsten?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Zu Hause am PC in meinem Arbeitszimmer. Den Laptop benutze ich nur in Notfällen, auf Dienstreisen, wenn mir mal eine Stunde Zeit bleibt.

Hören Sie auch Musik beim Schreiben und wenn ja, welche, oder brauchen Sie absolute Stille?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Während des Schreibens läuft im Arbeitszimmer das Radio. Und so höre ich, was Bremen1 oder NDR1 zu bieten haben. Ab und zu eine Reportage oder die Nachrichten stören da nicht. Im Gegenteil – die kleine Ablenkung hilft mir, die Gedanken neu zu ordnen.

Werden Sie von einer Agentur vertreten? Und falls ja, was ist für Sie der Vorteil, von einer Agentur vertreten zu werden?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Ich habe bisher auf die Unterstützung einer Agentur verzichtet. Ich wollte, ähnlich meinem beruflichen Neubeginn 1991, in Ruhe und auf mich allein gestellt, meine Position finden. Ich wollte mir darüber klar werden, welchem Genre ich mich verschreibe und ich wollte meinen Stil finden. Der unmittelbare Kontakt zu den Verlagen hat mir Erfahrungen beschert, die ich nicht missen möchte. Arbeitet man als unbekannter Autor ohne Agentur, ergeben sich beinahe zwangsläufig Veröffentlichungen in eher kleinen Verlagen. Das hat aber den Vorteil, eher geringen Druck in Bezug auf Verkaufszahlen zu erleben, was meinen Start als Autor erleichtert hat.

Mittlerweile erlebe ich eine Phase, in der ich mir die Frage nach meinem zukünftigen Platz im Literaturbetrieb stelle. Dabei steht außer Frage, dass ich nicht vom Schreiben leben möchte. Aber ich möchte, dass meine Bücher erfolgreich sind. Um in dieser Richtung alle Möglichkeiten auszuschöpfen, könnte ich mir zukünftig durchaus die Zusammenarbeit mit einer Agentur vorstellen.

Welchen Tipp hätten Sie für angehende Autoren, die einen Krimi veröffentlichen möchten?

HANS-JÜRGEN RUSCH:
Ich habe zwei Tipps.
Erstens: Verbannt alle Arten von Zufällen aus euren Plots. Es ist zwar mühselig und anstrengend, alle Ereignisse logisch und zwangsläufig miteinander zu verbinden, aber es erhöht die Glaubwürdigkeit des Buches.

Zweitens: Lernt das Handwerk, die Regeln des Schreibens und richtet euch zunächst danach. Erst wenn man das 1 x 1 des Schreibens beherrscht, kann man schöpferisch gestalten und Regeln bewusst brechen. Um das Handwerkzeug zu lernen, gibt es viele Möglichkeiten auf Seminaren und im Internet. Bei all den Seminarbesuchen dürft ihr aber das Schreiben nicht vergessen. Natürlich ist es unterhaltsam, einem Profi zu lauschen, wie er es macht, oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Natürlich ist es anstrengend und einsam zu Hause vor dem PC zu hocken, um etwas zu Papier zu bringen. Aber es nutzt nichts: Um Schreiben zu lernen, muss man schreiben.

Vielen Dank, Hans-Jürgen Rusch, für das Interview.

Kommenden Freitag stelle ich das schriftliche Interview von Kim Landers online.

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Heidi A. und Claudia H. haben die nachfolgenden Fragen richtig beantwortet und somit "Gegenwende" gewonnen: Wie viele Manuskripte musste Hans-Jürgen Rusch bei seinem erste Veröffentlichungsversuch verschicken? Und gelang es ihm?

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mitmachen lohnt sich!

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Hier lese ich aus meinem Buch “Seidene Küsse” aus der erotischen Kurzgeschichte “Im Dunkeln ist’s gut munkeln”

Link: Aveleen Avide liest aus Seidene Kuesse

Und hier ist der Song, den Christian Schoenborn für mein Buch „Samtene Nächte“ geschrieben hat und Verenice singt!

Wenn Sie hier klicken, kommen Sie auf die Auflistung aller bisher erschienenen Interviews auf meinem Internetblog.

Wenn Sie hier klicken, kommen Sie auf die Auflistung unter der alle Lesungen, die Buchmesse in Frankfurt 2007/2008 und Kurzinterviews und v.a. aufgeführt sind.

Das war Aveleen Avide
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